Titelbild Tag des Punktes

IM SCHATTEN VON BUCHSTABEN UND ZIFFERN

Sie sind die großen Stars aller Texte und Rechnungen – jene 26 Buchstaben und drei Umlaute, die sich zu mächtigen Wörtern vereinen und jene zehn Ziffern, die aneinandergereiht eindrucksvolle Zahlen bilden können. Im Schatten dieser 39 Protagonisten entfaltet einer still und heimlich seine Wirkung. Die Rede ist vom Punkt, dem unscheinbaren Helden vieler Geschichten. Fragezeichen und Rufzeichen bauen auf ihm auf und wären gerne so stark wie er. Am 15. September wird ihm zu Ehren der Internationale Tag des Punktes gefeiert. Und den hat er sich auch redlich verdient. Unser Loblied auf den Punkt.

“Die große Herausforderung beim Punkt liegt darin, ihn an der richtigen Stelle und im richtigen Moment einzubauen. Denn richtig eingesetzt, kann er die unterschiedlichsten Dinge vollbringen.” Er kann Träume beenden oder aber auch Hoffnung schenken. Zugleich ist er auch ein Zeitreisender. Er war bei der Unterzeichnung der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung vor rund 240 Jahren dabei und als Bob Dylan im Jahr 1964 „The Times They Are A-Changin’“ schrieb. Dylan hatte Recht. Die Zeiten ändern sich. Der Punkt bleibt als Konstante bestehen, egal wie stürmisch die Zeiten sind.

Der Punkt begleitet uns auch ständig in unserer Agenturarbeit. Unzählige Male kommt er Tag für Tag zum Einsatz – egal ob im Design, in der Entwicklung oder in der Konzeption. Für uns ist er mehr als ein – meist rundes, hin und wieder auch eckiges – Zeichen. Er ist für uns zugleich Ziel und Messlatte unserer Arbeit, denn wir wollen die Dinge auf den Punkt bringen. Und in einer Welt der Fokussierung liegt darin die große Herausforderung.

Einen Punkt zu setzen, erfordert auch Mut, denn es ist die bewusste Entscheidung, einen Gedanken zu beenden. Je kürzer der Satz, desto aussagekräftiger ist er. Ein kurzer Satz ist aber auch angreifbar. Er ist nackt und verwundbar. Viele verstecken sich deshalb lieber in endlosen Schachtelsätzen. Mit Schachtelsätzen erschaffen wir ein Klima der Vernebelung und zerstreuen die Aufmerksamkeit unseres Gegenübers. Wir blenden andere mit ausschweifenden Sätzen, weil wir in der Kürze nicht überzeugen können. Kurze Sätze stehen demnach für klare Gedanken und sind ein Ausdruck des Respekts vor unserem Gegenüber. Kurz und prägnant zu sein, ist schwieriger als lange und ausschweifend. „Ich schreibe dir einen langen Brief, weil ich keine Zeit habe, einen kurzen zu schreiben.“ Dieser berühmte Satz wird wahlweise Johann Wolfang von Goethe, Blaise Pascal oder Georg Christoph Lichtenberg zugeschrieben. Menschen, die die Kunst des Punktes gemeistert haben.

Ein guter Freund hat mir einmal erklärt, dass in einem guten Text Frage- und Rufzeichen nur spärlich eingesetzt werden, weil der Punkt selbst genug Kraft entwickle. Diesen Ratschlag nehme ich mir zu Herzen. Deshalb gibt es in diesem Beitrag nur ein Rufzeichen. Versprochen! Aus Respekt vor dem Punkt, denn ohne ihn wäre alles nur halb so schön und halb so aussagekräftig.

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