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FRAKTUR: TABU ODER TREND?

Restaurants, Getränke, Modelabels, Straßenschilder – die Fraktur ist in der österreichischen Tradition fest verankert und erlebt im Designbereich derzeit ein regelrechtes Revival. Dennoch haftet ihr in der öffentlichen Wahrnehmung teilweise ein historisch bedingter Makel an. Werfen wir einen Blick zurück in die Geschichte der Frakturschriften und sehen uns an, wo die gebrochenen Schriften eigentlich herkommen und was sie im Laufe der Zeit so durchmachen mussten.

Hello, my name is …

… Fraktur! Aber warum eigentlich Fraktur? Zurückzuführen ist der Name auf das lateinische Wort „Fractura“ – das soviel bedeutet wie brechen. Wenn man sich die Fraktur genau ansieht merkt man auch rasch, warum sie auch „die Gebrochene“ genannt wird – wobei sie auch nicht immer zwangsläufig gebrochen sein muss. Zur besseren Veranschaulichung hier eine Grafik:

Erklärung des Begriffes Fraktur in der Typografie © schriftgestaltung.com

Story of my life

Die Frakturschriften finden ihren Ursprung im 14. Jahrhundert. Ihre bekanntesten Vertreter – Fraktur, Gothic, Old English oder Blackletter – wurden im 15. Jahrhundert druckreif.

“Erst ab Mitte des 16. Jahrhunderts ist die gebrochene Schrift in ihrer voll ausgeprägten typografischen Form auffindbar.” Die bestechendsten Charakteristika dieser archetypischen Fraktur bestehen im langen „f“ und dem langgezogenen „s“. Auch bilden sich in dieser Zeit die ornamentalen Lettern, spornartige Fortsätze und der für die Frakturtypen beibehaltene angedeutete kursive Duktus, der ein helles, auflockerndes Schriftbild bildet.

In der zweiten Hälfte des 16 Jhd. wird die gebrochene Schrift zur vorherrschenden Type für deutschsprachige Druckwerke, neben der Antiqua, die sich aufgrund ihrer humanistischen Anmutung für fremdsprachige und lateinische Druckwerke etablierte.
Im Laufe des 17. Jahrhunderts kam es zu einem regelrechten Konkurrenzkampf zwischen den Frakturschriften und der Antiqua – ein Streit, der Deutschland fast entzweite: Gelehrte als Vertreter der Antiqua gegen das Volk, das sich mit der Fraktur stärker identifizierte.

Ende des 18. Jahrhundert erfuhr die Fraktur eine Reform. Beeinflusst von der Schriftästhetik eines John Baskerville, Firmin Didot oder Giambattista Bodoni und in Reaktion auf die Tendenz der führenden deutschen Literaten, ihre Werke in Antiqua gedruckt zu sehen, wandelten sich in Deutschland die typographischen Standards und es wurden klassizistisch anmutende, von allen Schnörkeln befreite Fraktur-Neuschnitte geschaffen.

Im Zuge der Napoleonischen Kriege wurde die „französische“ Antiqua zum feindlichen Symbol degradiert und führte so bereits nach 1800 dazu, dass die Bemühungen um die Reformation der Fraktur keinen nachhaltigen Erfolg haben konnte.

Die Frakturschriften des frühen 19. Jahrhunderts zeichnen sich durch ein deutlich traditionalistisches, historisierendes Erscheinungsbild aus, mit verschnörkelten Versalien, exakten Brechungen und gegabelten Schäften. Die um 1830 entstandene biedermeierliche „Normal-Fraktur“ gehörte, oftmals nur mit einer Lagernummer bezeichnet, in sämtlichen deutschen Gießereien zum obligaten Typenrepertoire. Und auch wenn sich Jakob Grimm 1854 im Vorwort zum »Deutschen Wörterbuch« vehement für die Antiqua einsetzte, so verweigerte doch Otto von Bismarck 1886 die Lektüre einer wie üblich in Antiqua gesetzten wissenschaftlichen Abhandlung. Denn mit der Gründung des Deutschen Reiches war die Fraktur zur offiziellen Amtsschrift erhoben worden.

Schriftzug Fette Fraktur
»Fette Fraktur«, entstanden um 1830–1840 als deutsche »Reklameschrift«.  © https://www.typolexikon.de/fraktur-schrift/

Der Aufstieg wird zum Fall

Zu Beginn der nationalsozialistischen Ära war die Fraktur zunächst ein durchaus willkommenes Instrument der ideologischen und politischen Propaganda. “GANZE 15 JAHRE LANG DEKLARIERTEN DIE NATIONALSOZIALISTEN DIE FRAKTUR ALS „WAHRE DEUTSCHE SCHRIFT“. Sie wurde sogar zur erstgelernten Schreibschrift in der österreichischen Volksschule.

Neuschnitte, darunter sogenannte »Neu-Frakturen«, die eine klare Synthese von traditionell gebrochenen und modernistisch grotesken Formprinzipien anstrebten, erfreuten sich eines Aufschwunges. So etwa die »Kleist-Fraktur«, die »Fichte-Fraktur« von Walter Tiemann, die »Tannenberg« von Emil Meyer, die »Post-Fraktur«, die sehr konstruktivistisch und intellektuell anmutende »Weiß-Gotisch« von E. R. Weiß und schließlich die »Zentenar« von Friedrich Herrmann Ernst.

Ab 1939 allerdings wurden die gebrochenen Schriften zum Thema einer zunehmend rassistisch-antisemitischen Polemik, die 1941 zum Umschwung führt: Die Fraktur wird von den Nazis selbst verboten und die „Schwabacher Fraktur“ als „Budenletter“ gebrandmarkt.

I’ll be back

Der aktuelle Trend zur Rückbesinnung auf die Werte VOR dem Konsum- und Industriezeitalter öffneten jüngst wieder Tor und Tür für eine emotionale Neuaufladung der gebrochenen Schriften. Werte wie Regionalität und „Sympathie“ für das Heimische prägen das Handeln der Digital Natives – die Fraktur als dessen Inbegriff fand somit über Subkulturen wie Hip-Hop und Rock (Street Style) wieder in den Mainstream und wird heute als hipp und jung empfunden. So ist beispielsweise eine gebrochene Schrift wie die „Old English“ die beliebteste Tätowierschrift in Europa und Amerika.

Neben (neuerdings) Lifestyle-Produkten, wie etwa die von Nike, steht die Fraktur auch nach wie vor für seriöse Medien: Regionalzeitungen wie Frankfurter Allgemeine, Salzburger Nachrichten oder New York Times halten bis heute an der Fraktur fest. Trotz ihres Stigmas sind gebrochene Schriften auch aus der Werbung für Bier und Hausmannskost nicht wegzudenken. Trotz dieses Stigmas ist die Fraktur unter Designern wohl populärer denn je.

Non Grata Bierflaschen
Non Grata © Ferras

Blackstone Porter Bierflaschen
Blackstone Porter © Hired Guns Creative

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Lena Hoschek Tradition © https://shop.lenahoschek.com/tradition.html

Banner Sterz im Mohrenwirt
Sterz im Mohrenwirt © http://www.sterz-mohrenwirt.at/

Milka Tender Commercial Screenshot
© Milka, Milka Tender Commercial Winter 2018

Be London's Fastest Nike Plakat
Be London´s fastest, Nike © Photo: Luke Freeman. License: All
Rights Reserved.

Volksbühne Berlin Plakat
Volksbühne Berlin, © Photo: Florian Hardwig.

Auswahl Werbesujets Volksbühne Berlin
Volksbühne Berlin, © Photo: Florian Hardwig. License: CC BY-NCSA.

Für uns ist eines klar: Die Geschichte der Fraktur ist eine der Höhen und Tiefen. Woran wir zweifeln: Sollte eine Schriftfamilie tabuisiert werden, die für so viel mehr steht, als ein verhältnismäßig kurzes Kapitel ihrer Geschichte? Oder sind für uns Österreicher die gebrochenen Schriften eigentlich das, was für Frankreich das Baguette ist?

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Quellenverzeichnis:

1. Quelle: https://www.typolexikon.de
2. Quelle: https://schriftgestaltung.com
3. Quelle: https://de.wikipedia.org
4. Quelle: http://www.uni-heidelberg.de
5. Literaturempfehlung: Kapr, Albert: Fraktur. Form und Geschichte der gebrochenen Schriften, Verlag Hermann Schmidt, Mainz, 1993. ISBN 3–87439–260–0.
6. Literaturempfehlung: Tschichold, Jan: Die neue Typographie. Ein Handbuch für zeitgemäß Schaffende, Berlin 1928.
7. Literaturempfehlung: Schalansky, Judith: Fraktur mon Amour, Verlag Hermann Schmidt, Mainz, 2006. ISBN 978–3–87439–748–3.
8. Literaturempfehlung: Koop, Andreas: NSCI, Verlag Hermann Schmidt, Mainz, ISBN 978–3–87439–891–6
9. Literaturempfehlung: Kapr, Albert : Fraktur Form und Geschichte der gebrochenen Schriften, Verlag Hermann Schmidt, Mainz, ISBN 978–3–87439–260–0

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